April 2011. Timeless Magazine. Media Reviews
Indisch für Anfänger
By Harald Sager
Wenn die Älteren unter uns
einmal kurz dreißig Jahre
zurückblicken, dann war Yoga
damals ein ganz diffuser Begriff, den
man allenfalls mit Gurus mit langen
Haaren und Bärten und jenseitigem
Blick assoziierte, die mit ihren abgemagerten
Körpern die aberwitzigsten
Verrenkungen vollführten; oder aber
mit esoterisch bewegten, sinnsuchenden
Westmenschen. Das eine wie
das andere war irgendwie unsexy. –
Ayurveda wiederum war zur gleichen
Zeit nicht diffus, sondern ganz einfach:
völlig unbekannt.
Heute sind diese beiden Techniken –
oder besser: Philosophien – im westlichen
Mainstream angekommen. Kein
Mensch wird sich mehr blamieren, wenn
er (meistens sie) ankündigt, sich auf ein
Yoga-„Retreat“ oder ein Ayurveda-
„Treatment“ zurückziehen zu wollen,
sondern beim Gegenüber auf Interesse,
ja Begeisterung stoßen, wenn nicht gar
auf die Behauptung, Ähnliches vorzuhaben.
In den bürgerlichsten, selbst den
biedersten Kreisen ist man plötzlich von
Leuten umgeben, die Yoga machen und
davon sprechen, ihre „Mitte“ zu suchen,
so wie sie sich früher über Kochrezepte
oder die neueste Fernsehserie ausgetauscht
hätten. Was gestern Tennis oder
Joggen war, ist heute Yoga: (fast schon)
eine Massenbewegung. Und was
seinerzeit allenfalls die Alternativ- oder
Kräutermedizin war, ist jetzt Ayurveda
(bzw., wahlweise, auch die TCM, die
traditionelle Medizin der Chinesen).
Die Energie in Fluss halten
Worum geht es dabei? Yoga, wie die meisten von uns es kennen, ist eine Abfolge von Übungen, die den ganzen Körper erfassen und selbst auf die Organe einwirken sollen: Daher gibt es stehende, sitzende, liegende, vorwärtsund rückwärtsbeugende und umgekehrte
Ashtanga Yoga, das ist eine dynamische
Bewegungsabfolge, bei der man ganz
schön ins Schwitzen kommen kann, die
einen aber auch, wenn man es nur
regelmäßig übt, wunderbar gelenkig
macht und erhält; sowie Meditation und
Atemübungen. Der Brunch wird dann,
gegen Ende des Vormittags, herbeigesehnt,
denn es gibt ein großes Buffet
mit vollwertigem, vegetarischem Essen
sowohl thailändischer als auch westlicher
Ausrichtung. Und – anders als während
einer Ayurveda-Behandlung – sogar
Kaffee. Nachmittags folgen leichtere
Übungen und ein wenig theoretischer
Unterricht über die Philosophie des Yoga.
Zwischendurch lässt man es sich am
Pool gut gehen oder erkundet die Insel
mit dem Moped.
Wir waren etwa zwei Wochen auf Koh
Samui. Es tat uns gut, und wir sind bis
heute überzeugt, dass dieses dynamische
Yoga das Beste ist, was man für
seinen Körper tun kann. Ein Wohlbefinden,
das sich, quasi osmotisch, auch auf die
geistig-emotionale Verfassung überträgt.
Obendrein bekamen wir auch noch
einen Tipp von einer Amerikanerin, der
uns ein Jahr später nach Sri Lanka führte.
Sie erzählte uns über Ayurveda-Behandlungen,
die sie gemacht hatte, und
schloss ihre Erklärungen mit den Worten:
„It keeps you going for a year.“ Will
heißen: Wenn man eine solche Behandlung
absolviert hat, ist der Körper ein
Jahr lang sozusagen wieder aufgemöbelt,
fit und gesund. Das gefiel uns, und
so buchten wir im Jahr darauf ein paar
Wochen in Barberyn Reef (www.
barberynresorts.com) auf Sri Lanka.
Was sind Doshas?
Das Resort, etwa 80 km südlich von
Colombo und direkt am Ozean gelegen,
hat, man muss es zugeben, ein wenig
Sanatoriumscharakter. Wir meinen das
gar nicht abwertend, ganz im Gegenteil,
viele Leute mögen das, doch muss
angefügt werden: eher doch Semester ab
vierzig und mehr noch fünfzig plus. In
Barberyn Reef geht es jedenfalls
ernsthaft zu, man wird von ayurvedischen
Ärzten untersucht, und die Behandlung
leitet sich aus der Konstitution sowie
der aktuellen Situation einschließlich
vorhandener Schwachpunkte oder
Krankheiten ab.
Dazu muss kurz erklärt werden, dass
die ayurvedische Lehre auf den so
genannten Doshas – Vata, Pitta und
Kapha – basiert, aus denen sich jeder
Mensch in unterschiedlichen Anteilen
zusammensetzen soll. Doshas sind
sozusagen energetische Prinzipien. Vata
steht für Raum, Luft, Bewegung und auf
einer körperlich-geistigen Ebene für
Muskeln und geistige Tätigkeit; Pitta für
Wandlung, Wasser und Feuer, körperlich
für Nahrungsaufnahme und Verdauung;
und Kapha für Erde und Wasser, für Ruhe
und Struktur. Unausgeglichenheiten
lassen sich diesem Schema folgend
leicht identifizieren: Jemand, der sich
ständig in seinen Gedanken verheddert,
unkonzentriert ist, vom Hundertsten ins
Tausendste kommt, ist ein glatter Fall von
zu viel Luft oder Vata; jemand, der sich
bei jeder Gelegenheit echauffiert und
cholerisch reagiert: zu viel Feuer, zu viel
Pitta; Leute wiederum, die sich zu nichts
aufraffen können, zu Trägheit oder
Übergewicht neigen: zu viel Kapha.
Kräuter , Güsse und Essenzen
Die Behandlungen nun zielen darauf ab,
Ungleichgewichte wie die genannten
wieder ins Lot zu bringen. Das geschieht
über verschiedenste Kanäle: so
etwa durch eine abgestimmte Ernährung.
Denn auch die Nahrungsmittel
sind dem Prinzip der Doshas unterworfen:
Salat oder Joghurt beispielsweise
sind kühlend, sie sind bei Pitta-Typen,
die ohnehin schon feurig genug sind,
angezeigt; einem antriebsschwachen
Kapha-Typ wiederum könnte man
durch scharfe Chili auf die Sprünge
helfen. Weitere eingesetzte Mittel sind
Kräutermedizinen sowie Behandlungen
wie Massagen, Stirngüsse und, ja,
auch Abführung.
Die Menschen reagierten unterschiedlich:
Manche, wie der Schreiber
dieser Zeilen, waren tagelang nichts als
müde und matt und unschlüssig, ob sie
das als Teil des Genesungsprozesses
oder als verzehrende Schwäche
interpretieren sollten; andere verweigerten
sich bestimmten Behandlungen,
denen zwar ebenfalls beruhigende,
zunächst aber vor allem enervierende
Wirkung zugeschrieben wird, insbesondere
jener, bei der der Kopf mit Ölessenzen
eingerieben und einem eine
Art Turban verpasst wurde, den man
nun zwei Tage und Nächte hindurch zu
tragen hatte. Wobei tunlichst auch das
Sonnenlicht zu vermeiden war – eine Art
verschärfte Maßnahme bei Schönwetter
und Außentemperaturen zwischen 25
und 30 Grad. Die Braveren – es waren
meist auch die Älteren – machten fleißig
alles mit und wurden durch Wohlbefinden
belohnt, das bereits während des
Aufenthalts vor Ort einsetzte und
verbürgtermaßen auch danach noch
monatelang anhielt. Im Fall des Schreibers
dieser Zeilen hatte die Amerikanerin
zur Hälfte Recht behalten: Ein gutes
halbes Jahr hielt die Wirkung des
Ayurveda an, er bildete sich ein,
energetischer und leistungsfähiger,
zugleich ruhiger und stressresistenter zu
sein. Danach freilich war alles wieder
beim Alten.
For full details of the centre, and the latest schedule, see: www.yoga-thailand.com




